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IT&W-V10. 711 Beiträge, 579 Kommentare. Born 2001, still going strong.
::: 03. March 2010

 :: Larry Hagman reloaded: Gespräch über ein hysterisches Land 

Ich weiss nicht warum, aber seit einigen Tagen hagelt es Wikipedia-Aufrufe zu diesem alten SZ-Artikel aus dem August 2002, der 2004 in diesem alten Weblog stand. Ich nehme an, der Text ist überall sonst inzwischen verschwunden. Oder vielleicht gab es irgendwo in diesen weiten Welten auch einen Gedenktag für »Bezaubernde Jeannie« oder sowas.

Also reloaden wir den Klassiker und erfreuen uns an der Unterhaltung zwischen Larry Hagman und Alexander Gorkow und daran, dass es noch Überraschungen gibt:

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Für die Liebhaber langer, knackiger und und irgendwie überraschender Interviews hier ein weiteres Exemplar, das es wert ist, dem Vergessen entrissen zu werden:  Larry Hagman über Amerika, ein Interview von Alexander Gorkow aus der Süddeutschen Zeitung vom 24. August 2002. Das Ding verdanken wir dem guten Gedächtnis von Armin M. aus Wladiwostok.  Es ist wie gesagt ellenlang, und trotzdem zu kurz:

Köln, ein Zimmer am Rande der Fernsehmesse. Larry Hagman [...] trägt Sommerhemd, Sommerhose. Erst hutlos, dann mit breitem Stetson. Auch der Akzent: breit. “Haaa ya doin, eh’?” Gute Laune, massiver Händedruck. Es heißt, dass Texaner schlechte Laune bekommen, wenn man schlecht über Amerika redet. Also soll dieser Texaner mal selbst über Amerika reden. Ja, und dann geht’s allerdings los…:

—Mr.Hagman, in Ihrer Autobiografie “Hello Darlin’”...

Ist Ihnen nicht zu warm? Lassen Sie das Sakko an?

—Ja, ich würde das Sakko gerne anlassen. In Ihrer Autobio…

Ich wundere mich, dass Ihnen nicht zu warm ist. Mir wäre es zu warm.

—Gott, Sie haben immer noch diesen Blick, Mr.Hagman. Immer noch zum Fürchten. Sie haben die Leute damit berauscht wie mit einer Droge.

Es gibt gefährlichere Drogen als mich, da bin ich Spezialist. Aber „Dallas“ war eine Droge, ja. Hypnotisch. Heute könnten Sie das so nicht mehr drehen. Zu lange Einstellungen, zu lange Dialoge, kein einziger bewundernswerter Charakter. Die Figuren waren entweder Schwächlinge oder Höllenhunde. Wunderbar war, wie die Höllenhunde die Schwächlinge quälten. Heute würden die Leute schnell weiterzappen, fürchte ich. Sie haben meine Autobiografie gelesen?

—Ja, und mich ein bisschen gewundert. Sie waren in den Sechzigern offenbar gegen den Vietnamkrieg.

Wieso wundert Sie das?

—Womöglich hat man ein anderes Bild von Ihnen. Es gab zu Beginn der Achtzigerjahre zwei amerikanische Schauspieler, die Angst verbreitet haben: Der eine hieß Reagan, der andere Hagman.

Vor Larry Hagman musste sich noch kaum wer fürchten. Bei Reagan sieht die Sache anders aus. Die Leute hatten allen Anlass, vor ihm Angst zu haben.

—Wieso?

Reagan war die Quintessenz eines gekauften Politikers. Er gehörte der Firma General Electric. Ronald Reagan war ein totaler Idiot.

—Wie bitte? Redet man so als Amerikaner, noch dazu als Texaner?

Ja, wenn man gefragt wird. Ich werde das nur selten gefragt.

—Ich dachte, Sie seien Republikaner.

Jeder hält mich für einen Republikaner. Ich habe eine ganze Dekade lang einen Ölmulti gespielt, ich trage einen Stetson, wenn ich Lust dazu habe, und ich bin Texaner. Das ist alles. Die Republikaner schicken mir heute noch Briefe, ob ich nicht Werbung für sie machen will. Ich sage denen jedes Mal: “Lasst mich in Ruhe mit eurer gottverdammten Bullenscheiße!” Die Republikaner waren und sind dafür verantwortlich, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Sie sind dafür verantwortlich, dass die soziale Balance in Amerika zerstört ist. Vielleicht können wir auch noch ein bisschen über den religiösen Fanatismus reden, mit dem sie das Land überziehen?

—Selbst viele Demokraten unter Ihren Landsleuten sagen heute, dass Reagan ein starker Präsident war.

Schauen Sie, er war wirklich ein gefährlicher Mann. Er hatte sich selbst gehirngewaschen: Er war der Überzeugung, dass sein lifestyle the absolute one and only way of life sei. Er konnte gut Witze erzählen, gut reden und die Leute gut einseifen. Dumm war er nicht. Aber er stand schon als Chef der Schauspielergewerkschaft in Hollywood auf der Seite der Film-Multis, nicht auf der Seite der Schauspieler. Als Präsident stand er dann auf der Seite der Strom- und Öl-Multis, nicht auf der Seite der einfachen Menschen.

—Wen haben Sie bisher gewählt?

Keinen Republikaner und keinen Demokraten. Die Demokraten sind nur das etwas kleinere Übel. Wenn Sie heute etwas werden wollen als Politiker in Amerika, müssen Sie nur eins haben: Geld. Sie müssen sich Werbezeit fürs Fernsehen kaufen. Und wer gibt Ihnen das Geld? Und was müssen Sie ihm dafür versprechen? Lauter dumme Fragen, eh? Das Zwei-Parteien-System in den USA ist eine Katastrophe.

—Gründen Sie doch eine eigene!

Ich bin seit den Sechzigerjahren Mitglied der Peace And Freedom Party. Die wurde während des Vietnamkriegs gegründet.

—Nie davon gehört.

Sie hat nur noch vier Mitglieder. Mich und drei andere. Sollen wir über den amtierenden Präsidenten auch reden?

—Wenn Sie möchten, aber wir sollten gleich auch…

Während der Idiot Reagan gefährlich, aber nicht eigentlich dumm war, sieht die Sache bei dem Idioten George W.Bush schon anders aus: Das Land wird heute von einem Menschen regiert, der gefährlich und dumm ist. George W. Bush fällt komplett aus dem Rahmen dessen heraus, was Sie und ich unter einem sozialisierten Menschen verstehen. Er kann nicht reden. Er kann nicht lesen. Er ist Legastheniker. Und, jetzt kommt das Beste: Er ist unser Präsident.

—Sieht ein Land anders aus, wenn es von einem Texaner regiert wird?

Wie meinen Sie das denn?

—Sieht es simpler aus?

Sie haben ein falsches Bild von Texas. Texas ist ein dynamischer Staat, voller kluger Menschen. Fallen Sie nicht auf dieses Texas- Klischee herein. Die ganze Sippschaft von George W.Bush treibt sich sowieso eher in Maine herum als in Texas. Er inszeniert dieses Texas-Ding, weil die Leute es urig finden. Bullshit!

—Waren Sie schon so wütend auf Ihr Land, als Sie in den Fünfzigerjahren erste Bühnenerfahrungen sammelten? Damals hatten es Ihre farbigen Kollegen noch schwerer als heute.

Als ich in den Fünfzigern durch New York zog, hatten es alle Arten von Minderheiten in Amerika deswegen schwer, weil man sie schlicht nicht beachtet hat. Die einzige Minderheit, die sich langsam durchsetzte und heute mehr oder weniger sozialisiert ist, sind die Latein- und Südamerikaner. Aber das ist auch kein Wunder. Kalifornien besteht inzwischen zu 48 Prozent aus Hispanics. Der beliebteste Name für neugeborene Jungen in Kalifornien ist heute José. Wissen Sie, warum? Weil man im Ernstfall aus dem Namen José den Namen Joe machen kann. Bequem in allen Lebenslagen. Aber um auf Ihre Frage von eben zurückzukommen: Ich war in den Fünfzigern noch nicht sehr politisch.

—Sie wurden es in den Sechzigern?

Natürlich. Vietnam. Der gewöhnliche Amerikaner kreischte damals herum: “Jesus! Wir werden die verdammten Schlitzaugen doch nicht in Dallas einmarschieren lassen?!” Diese Einstellung war von der Propaganda aus dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben. Da haben sie Hiroshima und Nagasaki vernichtet. Die Menschen, die dort lebten, waren im Verständnis der gehirngewaschenen Masse in Amerika keine Menschen. Eher Tiere. Meine Landsleute standen auf der Straße und sagten: “Hey, die Schlitzaugen glauben nicht an Jesus, sondern an Shindurindubindu, fucking hell!” Vietnam war nichts als purer Wahnsinn.

—Verteidigungsminister McNamara hat sich später entschuldigt.

Nett von ihm. Da hatte außer ihm natürlich keiner was davon. Das nutzt unseren toten Jungs nichts mehr, und den vielen Asiaten, die wir weggeblasen haben, hilft es auch nicht. Und: Was ist mit Henry Kissinger? Wieso sitzt Kissinger nicht im Knast? Er ist ein Kriegsverbrecher.

—Er versucht sich immerhin auch in der Aussöhnung mit…

Bullshit!

—Gibt es Amerikaner, die Ihre Gnade finden?

Hören Sie mal, ich habe viele Freunde, und fast alle sind Amerikaner. Einer meiner engsten Freunde ist Gore Vidal…

- ... der Ihre Ansichten teilt.

Ich liebe ihn. Gore ist ein wunderbarer Schriftsteller und Essayist. Er ist unbestechlich. Er erkennt Amerika als das, was es ist: ein wunderbares Land, das von korrupten Politikern und Geldhaien zerstört wird.

—Sind Sie ein Patriot?

Natürlich! Ich meine, was für eine Frage! Sind unsere Politiker Patrioten? Sind die, die das Land regieren, Patrioten? Schauen Sie, ich spende Jahr für Jahr einen Haufen Geld für Entwicklungsprojekte, eines davon fördert alternative Energien. Amerika könnte, wenn die Politik dies wollte, in fünf oder sechs Jahren zu einem sehr großen Teil von alternativen Energien versorgt werden. Wir wären nicht mehr abhängig von den Öl exportierenden Ländern, wir wären dann auch nicht mehr abhängig von den verfickten Öl- Multis im eigenen Land…

—Mr.Hagman, reden wir über lustigere Dinge. Es gibt zwar traurige Geschichten über Ihre inzwischen überwundene Alkoholsucht. Aber stimmt es, dass Sie Ihre Frau im Marihuana- Rausch mal fast im Pool ertränkt hätten?

Das stimmt. Finden Sie das lustig?

—Sie lachen doch selbst gerade.

Also gut: Das war in den Sechzigern. Ich wäre später mal besser bei Marihuana geblieben. Der Alkohol hatte mich fast schon gekillt, so, wie er meinen Freund Keith Moon von den Who gekillt hat. Ich wollte Maj, mit der ich seit 48 Jahren sehr glücklich verheiratet bin, damals in Acapulco übrigens nicht ertränken. Ich rauchte mit ein paar Kollegen zum ersten Mal Gras. Circa zehn Mal sagte ich: “Ich spür nix, wann wirkt das Zeug?” Ein Kollege antwortete: “Das fragst du jetzt zum so und so vielten Mal! Es wirkt schon, Larry!” Ich wieder: “Ich spür nix, wann wirkt das Zeug?” Darauf er: “Larry, du ruinierst meine Nerven. Geh vor die Tür, geh an den Pool.” Also ging ich an den Pool. Da schwamm Maj herum. Sie war so schön.

—Und dann?

Ich vermute, es hatte Züge von einer Vergewaltigung. Aber es war lieb gemeint. Ich riss ihr den Bikini runter und wollte Unterwasser-Sex mit ihr. Ich hatte vergessen, dass man unter Wasser nicht atmen kann. Sie strampelte rum wie eine Irre. Das war sehr lustig. Wenn ich die Geschichte heute erzähle, rutscht Maj immer noch unter den Tisch vor Lachen. Wir haben immer gerne Marihuana geraucht. Ich habe immer gerne Drogen ausprobiert. Und was Marihuana angeht: Ich meine, jeder raucht Marihuana, Sie rauchen Marihuana, ich rauche Marihuana, und wenn es endlich legal wäre, könnten auch die Leute Marihuana rauchen, die im Krankenhaus liegen und Schmerzen haben. Marihuana wächst im Garten. Es macht dich nett, es…

—... es ist verboten. Aber Sie müssen nicht wieder über Ihr Land schimpfen, es ist auch in Deutschland verbo…

Angenommen, es wäre verboten zu vögeln - was würden die Menschen tun?

—Wie?

Sie würden weiter vögeln! Ich meine, man kann nicht ein Kraut verbieten, das die meisten Menschen in Kalifornien in ihren Gärten wachsen lassen und das ihnen gut tut. Keiner sollte deswegen ins Gefängnis gehen. Die Gefängnisse in Amerika sind überfüllt mit Menschen, die wegen der Illegalität von Marihuana da sitzen. Sie nehmen dir dein Haus, deine Familie, deinen Job, wenn du mit Marihuana erwischt wirst.

—Leben Sie in einem hysterischen Land?

Was für eine sehr orginelle Frage! Natürlich. Es ging vollends los mit der Clinton-Lewinsky-Sache. Großes Entertainment der religiösen Rechten. Da haben sich Typen zum Richter aufgespielt, die es sich wirklich nicht hätten erlauben dürfen. Und seit dem 11.9. 2001 hat sich Amerika in Sachen Ideologie und Gehirnwäsche zu einem Land entwickelt, das einem totalitären Staat in der Prägung der ehemaligen Sowjetunion sehr ähnelt.

—Wie äußert sich das?

Sie nehmen den Leuten fast sämtliche Rechte, die Polizei erhält im Gegenzug auf eine Art und Weise freie Hand, die vollkommen wahnsinnig ist. Dann ist die Gedankenkontrolle der religiösen Rechten in Amerika ein Thema, das ihr Europäer gerne unterschätzt. Sie sind überall unterwegs, in den Firmen, in den Schulen, überall. Sie mögen mich für paranoid halten. Aber es gibt viele klar denkende Menschen in Amerika, die davor Angst haben, was diese Leute aus unserem Land machen.

—Sie haben selbst in zwei großen Filmen mitgespielt, die sich kritisch mit Ihrem Land befassten - “Primary Colors” und “Nixon”. Solche Filme würden in einem totalitären Land nicht gedreht.

Da haben Sie Recht. Aber Sie vergessen nicht, dass beide Filme in Amerika nicht wenige gute Kritiken bekamen, aber ziemliche Flops waren. Unsere Leute wollen keine Filme mehr sehen, in denen der Präsident schlecht abschneidet.

—Viele Ihrer Kollegen wie Richard Gere oder Patrick Duffy, der in “Dallas” den Bobby spielte, haben sich dem Buddhismus zugewendet. Ist das eine Flucht vor diesem religiösen Fanatismus?

Nein. Oder: ja, womöglich. Der Buddhismus ist eine friedliche Form der Weltanschauung. Wir sollten uns darüber nicht lustig machen. Auch wenn es bei Patrick am “Dallas”-Set immer wieder zu lustigen Ausbrüchen kam.

—Wie sahen die aus?

Er hatte diesen Tick, vom ersten Drehtag an. Unsereiner stritt sich mit der Crew am Set herum, da hörten wir immer wieder aus einem Nebenzimmer seltsames Gemurmel: “Rabindranat-rabindradindra-radindabindra- rabindranat.” So in der Art. Da saß Patrick und meditierte. Unansprechbar. Vollkommen weggetreten. Als er fertig war, kam er mit seiner netten Art angelaufen. Ich fragte ihn einmal: “Hey Pat, was war heute das Thema deiner Meditation?” Darauf er, ganz ernst: “Geld”.

—Mr. Hagman, glauben Sie, Sie können mit dem, was Sie mir über Ihr Land gesagt haben, auch in ein paar Stunden noch gut leben?

Reinsten Gewissens. Ich bin über 70 Jahre alt. Zweite Leber. Das Leben ist großartig. Warum sollte ich Sie voll lügen?

—Was machen Sie als Erstes, wenn Sie wieder daheim sind?

Ich fahre nach Santa Monica, wo ich wohne. Zumindest bis jetzt. Mal sehen, ob Ihr Interview bis dahin reicht. Ich werde es wissen, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht. Great fun. Sollte ich nicht verhaftet werden, geht es dann für zehn Tage nach Texas, wo Maj und ich Freunde besuchen.

—Freuen Sie sich auf Texas?

Halb, halb.

—Wieso?

Es gibt zwei Namen, die Maj und ich in Texas nicht in den Mund nehmen dürfen: Bush und Jesus. Wenn wir davon anfangen, gehen die Streitereien mit unseren Freunde wieder los. Maj soll sich eher den Mund zunähen, als über Politik oder Religion zu reden. Letztes Mal, als wir in Texas waren, haben wir mit unseren Freunden nur noch über die vielen, vielen reizenden Enkelkinder geredet.

—Ist doch auch ganz nett.

Junger Mann, wenn Sie mal so alt sind wie ich, wissen Sie, wie verdammt langweilig das werden kann.

Larry Hagman, geboren 1931 in Texas, spielte von 1978 bis 1990 den bis heute erfolgreichsten Serienstar: J.R. Ewing in “Dallas”. Populär wurde er schon 1965 in der Serie “Bezaubernde Jeannie”. Zuletzt erhielt er Kritikerlob für seine Auftritte in den Kinofilmen “Nixon” und “Primary Colors”. Hagman litt lange unter Alkoholsucht und musste sich Mitte der Neunzigerjahre einer Lebertransplantation unterziehen. Seine Autobiografie “Hello Darlin’” erschien in den USA bei Thorndike Press.

Quelle: {quelle}  |  von majo unwesentlich später  1x Senf , 1840x besichtigt |   aus: Things I found under my bed   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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