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IT&W-V10. 711 Beiträge, 579 Kommentare. Born 2001, still going strong.
::: 05. January 2009

 :: Memories of Felagund (Ein überraschendes Ende) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Endgame - Teil 2

Fast ein Jahr ist es her, seitdem ich weit draußen auf dem Meer ein kleines Schiff ausgemacht hatte. Die Abendsonne ließ seine Segel rot leuchten, als es Richtung Osten an Felagund vorbei zog. Zu weit entfernt, viel zu weit. Mit den Armen wedelnd stand ich am Südstrand, rief nach den Matrosen auf dem fremden Schiff, vergebens. Nach einiger Zeit verblasste die Erinnerung - war es wirklich geschehen? Heute glaube ich fest daran, nein, ich weiss, dass sie noch existieren, die Makukken. Dieses kleine Seefahrervolk bereist noch immer diese Meere! Wohlmöglich haben sie sogar an einer der goldenen Buchten Finis Terraes ihr Lager aufgeschlagen, eine Kolonie gegründet.

Nun lag einer von Ihnen vor mir, tot. Hinter ihm tat sich eine Höhle auf, viel mehr noch, eine riesige Grotte, die sich tief in den Berg zu schlängeln schien. Von außen führte ein kleiner Holzsteg hinein. Wenige Zentimeter über dem Wasser schmiegte er sich an die steilen Felswände, meist nur eine Hand breit, an anderen Stellen sogar schon verfault und löchrig. Vorsichtig begab ich mich darauf in das Innere der Grotte, über mir riesige Felsen, zwischen denen das Wasser des Sees hindurch sickerte und imposante Tropfsteine gebildet hatte. Sie hingen wie Schwerter von der Decke. Einmal wäre ich auf meinem Weg fast abgerutscht, brach doch plötzlich ein großes, morsches Brett unter meinem Gewicht zusammen und riss meinen linken Fuß mit. Im letzten Moment klammerte ich mich noch reflexartig an einem Felsen fest. Auch wenn die Luft in der Grotte immer kälter zu werden schien, schwitzte ich bald am ganzen Körper.

Dann… ich weiss nicht wie ich das Gefühl beschreiben soll, als ich plötzlich das kleine Schiff am Ende der Grotte wahrnahm. Ruhig und verlassen lag es dort, seine Segel immer noch gehisst, den hohen, erhabenen Bug Richtung Ausgang gestreckt. Sicher kein Kampfschiff, dafür war es selbst für Makukkenverhältnisse zu klein, wohl eher zur Erkundung gedacht. Schlagartig wurde ich mir der Möglichkeiten bewusst, die sich nun boten. Dies war mein Weg, fort von hier, meine Fahrkarte in die Freiheit. Am liebsten wäre ich darauf zu gestürzt, hätte es sofort in Besitz genommen. Mindestens ein Wesen allerdings sollte etwas dagegen haben.

Nur noch ein Wesen, um genauer zu sein. Denn der Rest der Schiffsmannschaft war genauso tot wie die Vorhut draußen am Eingang. Eine junge Makukkenfrau lag niedergestreckt auf einer breiteren Planke, versperrte mir so den Weg. Außer einem Teil ihres Halses und dem Lebenshauch schien ihr nichts zu fehlen, so starrten mich ihre Augen mit grauenerregender Leere an, als wollten sie mich mahnen: „Kehr um, dort wartet nichts als Tod und Verderben auf dich!“ Doch mein Weg führte nur noch in eine Richtung, so stieß ich vorsichtig ihre leere Hülle ins Wasser, um weiterzukommen. Langsam trieb sie aufs Meer hinaus, ein Anblick den ich sicher nie vergessen werde. Noch viel weniger das Bild aber, welches sich mir gleich darauf bot. Am Ende der Grotte erhob sich eine riesige Mauer, bis unter die Decke, an deren Fuß sich eine große, quadratische Öffnung befand. Man konnte durch sie in den Raum dahinter spähen. Ich weiss nicht, wer die Baumeister waren, die diese kleine Festung ausgerechnet mitten in den Berg setzten, doch muss es lange vor den Elfen gewesen sein. In keinem Dokument aus ihrer Zeit hier konnte ich bisher einen Hinweis auf diesen Ort finden.

Dort, umringt von altertümlichen Götterstatuen, vor einem plätschernden Brunnen, der tief aus dem Gestein zu kommen schien, saß Anja. Ich konnte sie warten sehen, noch bevor ich die Öffnung erreichte. Zwei weitere Tote säumten meinen Weg zu ihr. Ein junger, kräftiger Mann lehnte wie schlafend am Heck des Schiffes, vor ihm sein Schwert, welches noch seine Hand umklammerte. Diese und der Rest des Armes hatten aber schon lange und sicher gewaltsam die Verbindung zum Körper auf gegeben. Seine Klinge schimmerte in einem ekelerregenden Grün, genau wie die große Lache eingetrockneter Flüssigkeit, in der sie lag. Spinnenblut. Ich kenne es nur zu gut, seitdem dieses Biest vor kurzem einen Großteil davon auf meiner Veranda verteilt hatte. Nun wurde mir bewusst, wie sie zu ihren Verletzungen gekommen und warum sie plötzlich zwei Tage verschwunden war. Es war der Kampf mit den Makukken gewesen, der ihr fast das Leben gekostet hätte, den ich – die Träume! Natürlich, verdammt ich habe es doch gesehen! Die Bilder, das Schlachtgetümmel, nur vage und wie aus vielen Augen – Spinnenaugen! Die verzweifelten Schreie und immer wieder ein Name. Appa! Schickte mir Anja diese Bilder? Wollte sie mir zeigen, wozu sie in der Lage war? Warum hatte sie das Schiff überfallen? Kamen die neugierigen Entdecker zufällig ihrem Versteck zu nahe? Hatte sie es gar gekapert und hier hineingeschleppt?

Plötzlich stand ich vor ihr, im Angesicht der größten Spinne die diese Welt je gesehen haben mag. Tief in Gedanken war ich weiter gegangen, hinein in den Raum. Neben mir, am Eingang, lag das letzte Mitglied der Besatzung, ein älterer Makukke, etwas kleiner als die anderen. Sein graues, langes Haar hing ihm in Strähnen über das sonnengebräunte, furchige Gesicht. Casappa Appa musste er heißen, keine Frage, stand dies doch in großen Lettern am salzwassergegerbten Bug. Die kleinen Seefahrer machten sich seit jeher nicht die Mühe, ihren Schiffen ausgefallene Namen zu suchen, man benannte sie einfach nach dessen Kapitän, der standesgemäß immer der älteste der Crew war.

Drei Schritte trennten mich nun noch von Anja, als ich endlich stehen blieb, mein Blick wieder klarer wurde. Zwischen mir und der Spinne lag das Kästchen, mein Schatz, der einzige Grund warum ich ihr bis hierher gefolgt war. Erst wenige Minuten zuvor hatte sie es aus meiner Hütte geraubt. Als Köder benutzt, ganz klar, um mich her zu locken. Doch wozu? Hätte sie mich fressen wollen, wär vorhin die beste Gelegenheit dazu gewesen. Nein, der Grund war ein ganz anderer.

Nun war es still geworden. Das leise Plätschern des Brunnens im Hintergrund nahm ich kaum noch wahr, auch das Wasser in der Grotte nicht. Nur ich und Anja, Auge in – nein, das ist falsch, denn ihre Augen hatte ich bisher noch nie aus der Nähe gesehen, lagen sie doch an der Oberseites des riesigen Kopfes. Und der befand sich auf gleicher Höhe mit meinem. Erst jetzt merkte ich, wie gigantisch dieses Tier war. Sie saß vor mir, und überragte mich dennoch fast. Von einer plötzlichen, panischen Angst gepackt, hob ich mein Schwert, war bereit den Kampf auf Leben und Tod - dann verschwamm mein Blick, Bilder überfluteten meinen Kopf, erst wieder undeutlich, dann immer klarer. Ich musste mich hinsetzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Eine Frau, fast nackt, nur im Schlafgewand, ich sah durch ihre Augen, sah sie rennen. Das Haus des Magiers Nilrem. Schon war sie beim großen Fenster angekommen, versuchte es verzweifelt zu öffnen, vergebens. Sie wich zurück, nahm Anlauf und – sprang! Das Glasfenster borst in tausend bunte Teile, sie stieben durch den Raum wie Geschosse, schnitten sich tief in ihre Haut. Dann landete sie auf dem aufgeweichten Boden hinter dem Haus…

Kurz kam ich zu mir, war ohne es zu merken wieder aufgestanden, hatte mein Schwert beiseite gelegt und war noch näher an Anja heran getreten. Zwei Schritte, nicht mehr trennte mich vor ihren armlangen furchteinflößenden Giftzähnen…

Dann waren die Bilder wieder da, unvermittelt, ohne Vorwarnung. Die Frau lag im Schlamm, eine riesige Pfütze hatte sich um sie gebildet und färbte sich rasch rot. Durch ihre Augen sah ich nach oben, in einen wolkenverhangenen Morgenhimmel der mit abertausenden Regentropfen ihren geschundenen Körper bombardierte. Mühsam versuchte sie aufzustehen. Dann überfiel sie plötzlich ein heftiges Zittern, scheinbar unkontrollierbar. Sie sah auf ihre nackten Hände, Arme, Beine, noch während sie hilflos weinend aufstand – Schnitte und Wunden übersähten diese, schienen sogar noch größer zu werden…

Ein Schritt. Mehr lag nicht mehr zwischen mir und der Spinne, als ich wieder kurz zu mir kam. Sie richtete sich im gleichen Moment mühevoll auf, sah nun erschöpft aus…

Die Frau riss sich verzweifelt, fast verrückt vor Schmerz die Kleider vom Leib, schrie, während ihre Glieder und Wunden weiter anschwollen, die Haut aufzureißen schien - ich wollte die Augen schließen, den Blick abwenden, begann zu weinen, so grauenvoll war das was ich sah, so hilflos musste ich es mit ansehen…

Dann waren die Bilder verschwunden, die Spinne lag vor mir, erschöpft, streckte mir den massigen Kopf entgegen – so dass ich zum ersten mal in ihre Augen sehen konnte – azurblau und rotbraun – Saturn und Jupiter…

Dae.

Sie war nicht tot, nein, viel schlimmer noch. Die Frau des Magiers stand genau vor mir – zwar im Körper einer Bestie gefangen, doch lebendig. Konnte man das wirklich Leben nennen? Ich weiss nicht wie viel von ihr in der Spinnenseele überlebt hatte, aber es reichte, um mir noch eine Botschaft zu schicken. Zumindest ein Teil ihrer telepathischen Kräfte schien die Verwandlung überlebt zu haben. Denn so unverhofft wie die Erkenntnis gerade über mich kam, wie der Schleier sich legte, hörte ich eine Stimme, ihre Stimme in meinem Kopf, sanft, ängstlich, wie von weit her, aus einer unendlichen, grauenhaften Tiefe „Nimm es und geh, Janos, für immer“.
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Sie hatte für mich ein Schiff besorgt! Auf ihre Weise, zugegeben, brutal und bestialisch. Ihr erster Einbruch in meine Hütte diente ihrem Plan, einen Köder zu beschaffen um mich hierher zu locken. Hatte sie wirklich gelesen, wie sehr mein Herz an dem Kästchen und dessen Inhalt hing? Sie schickte mir Bilder in meinen Träumen – Telepathie - dort sah ich diesen Ort schon einmal, dieses Schiff, schwach und ohne es wirklich zu erkennen. Schließlich lockte sie mich hierher, und schenkte mir so – die Freiheit. Aber warum? War es der Teil ihrer geknechteten Seele, der noch Dae hieß? Die Gründe für ihr Handeln werde ich wohl nie erfahren. Nilrems aber kannte ich dagegen sehr genau. Der Preis ewiger Jugend. Diese verrückte, unfähige Magier! Seine eigene Frau hatte er in ein Monster verwandelt, ohne es zu wissen, weil er es nicht ertrug, dass auch ihre Schönheit vergänglich war.

Das Kästchen lag zu meinen Füßen, nur eine Hand breit von ihren Fangzähnen entfernt. Anjas Kopf, Daes… er lag erschöpft auf dem Boden, sie atmete schwer. Es muss unendlich Kraft gekostet haben zu mir zu sprechen, mir ihre Erinnerungen zu schicken. Vorsichtig nahm ich es wieder an mich und wich dann langsam vor ihr zurück, bis zum Eingang des großen Raumes. Ich weiss nicht warum, doch entfuhr aus meiner zutiefst gerührten und verstörten Seele ein leises „Leb wohl“, bevor ich auf das Makukkenschiff kletterte. Zu meinem Erstaunen besaß dieses zusätzlich zum Segel auch einen Motor, simpel aber robust. So fand ich mich schnell zurecht mit dessen Steuerung und legte ab. Einen kurzen Ruck gab es noch, als die dicken Spinnenfäden rissen, die das Heck mit der Grottenwand verbunden hatten, dann sah ich den jungen Makukken rücklings ins Wasser fallen, seiner Lehne beraubt. Ich ließ die Grotte schon kurz darauf hinter mir, mit ihr ein Wesen, für das ich jetzt nicht mehr fühlte als Mitleid und Trauer. Jegliche Angst war verflogen.

Nun sitze ich hier, vor meiner Hütte, schreibe die letzten Worte und werde schon bald mein kleines Schiff besteigen. Hinein lud ich gerade eben noch alles, was die Spinne von meinen Habseligkeiten übrig gelassen hatte. Meine letzte Amtshandlung hier wird es sein, dieses Buch, die Memories of Felagund, in Gebris Hobbit-Hole zu bringen. In Sicherheit vor Wind, Wetter und der Zeit, in der Hoffnung, dass irgendwann jemand es dort finden wird. Die Geschichte hat somit ein unerwartetes Ende genommen, doch wage ich zu behaupten, dass es eine vollständigere Zusammenfassung nie geben wird. Letztlich verspüre ich ein wenig Wehmut, wer hätte das gedacht, bei dem Gedanken, fort zu gehen. Aber das was dort draußen auf mich wartet, all das, wovon ich bisher nur lesen und träumen konnte, entschädigt mich tausendfach dafür. Bis nach England werde ich es mit der Schaluppe hier sicher nicht zurück schaffen, doch ich will verdammt sein, wenn ich keinen Weg finde, meine Martha wieder zu sehen! Ob sie noch auf mich wartet, mich liebt, nach all der Zeit? Vielleicht komme ich eines Tages hierher zurück, berichte, was mir wiederfuhr auf meinen Reisen. Bis dahin sage ich

Good bye Felagund, dein Janos Nibor.

Quelle: {quelle}  |  von Case unwesentlich später  0x Senf , 2064x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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