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IT&W-V10. 711 Beiträge, 579 Kommentare. Born 2001, still going strong.
::: 04. January 2009

 :: Memories of Felagund (18) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Kapitel 18 – Endgame - Teil 1

10. Februar 1907: Wo soll ich beginnen. Was.. was heute geschah – ich weiss, ich muss es beschreiben, zu Papier bringen… es ringen, nein,  in mir ringen gerade tausend Gefühle darum, die Oberhand zu gewinnen – Trauer und Freude, Schmerz und Überraschung, Verwirrung und Erkenntnis -  wie ein riesiger Schleier der sich plötzlich hebt, um mir einen kurzen Blick auf die Wahrheit zu gewähren. Der Reihe nach, ich darf nicht abschweifen. Der Grund, warum ich noch hier bin – noch hier sein darf - der Grund sind vermutlich diese Zeilen, nicht mehr. Also muss ich mich sputen, muss ich doch berichten, welch unglaubliche Ereignisse sich abspielten an diesem Tag. Es ging alles so schnell, aber nur langsam beginne ich vieles zu begreifen, einiges sicher auch erst, wenn ich es niederschreibe, wenn es alles noch einmal an mir vorbeizieht.

Wie Sie sich erinnern, begann ich gerade damit, die Geschichte von Ly´ri und Morten zu Papier zu bringen. Diese muss ich nun leider schuldig bleiben, meine Zeit hier… vielleicht später einmal. Nun, bevor ich einen neuen Absatz beginne, habe ich mir es zur Gewohnheit gemacht, einmal tief durchzuatmen, alles von mir zu strecken, was von der ungesunden Schreibhaltung verspannt sein könnte und einen prüfenden Blick nach oben zu werfen, zum Netz der Spinne. Die letzten zwei Tage saß dort immer Anja, blickte mal gelangweilt, mal voller Interesse auf mein Niedergeschriebenes, nicht viel anders wohl als die werten Leser dieser Zeilen.
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Vorhin also, es war bereits früher Nachmittag geworden, als ich weiter schreiben wollte, warf ich wieder ein Blick nach oben – doch da war keine Spinne mehr. Bereits zu diesem Zeitpunkt rannte sie in unglaublicher Geschwindigkeit den Weg hinunter zu meiner Hütte. Sie erinnern sich an meine letzten Worte? „Die Spinne k…“ – mehr konnte ich nicht schreiben, warf sie sich doch in diesem Augenblick mit ihrem gesamten Gewicht auf das strohbedeckte Dach meiner Behausung. Wie versteinert duckte ich mich hinter den Tisch, der umfiel, als ich vor Schreck aufgesprungen war. Das Buch, dieses Buch, mein Lebenswerk, lag nun auf den salzwassergetränkten Holzbrettern, die Flasche Wein verteilte den Rest ihres Inhalts auf dessen Einband. Zugleich rollte der Nautilus scheppernd unter die kleine Baumbank vor meiner Hütte. Anja schien das nur wenig zu beeindrucken, sie wütete im Inneren wie eine Furie, warf Tische, Stühle und Schränke von einer Ecke zur anderen. Hilflos musste ich mit ansehen, wie sie alles zerstörte, was ich mühevoll zusammengetragen hatte.

In der rechten Ecke neben dem Ausgang stand mein Schwert. Gebris Schwert, um genau zu sein. Eine Leihgabe quasi, er hätte es mir sicher nicht verwehrt, wäre er noch am Leben. So nah, nur wenige Schritte, doch unerreichbar für mich in diesem Moment. Folglich wehrlos kauerte ich hinter dem Tisch und wartete auf das, was nun geschehen würde. Sie hatte den Korb gefunden, den ich unter dem Schrank versteckte, riss geschickt den Deckel auf und wühlte mit ihren Vorderbeinen darin herum. Plötzlich begriff ich, was sie vorhatte. Sicher waren es nicht die leeren Weinflaschen, die sie interessierten, nein, das Kästchen, mein Kästchen! Nur wenige Minuten nachdem ich hier, in diesem Buch darüber geschrieben hatte, entriss die Spinne mir das wertvollste, was ich besaß, das einzige was mir von meiner Martha geblieben war. Doch warum? Woher wusste sie…

Keine Zeit nachzudenken. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, kletterte sie nun wieder durch das große Loch im Dach, dieses mal aber nur auf sechs Beinen, denn die vorderen zwei hielten deutlich erkennbar das von Wachsleder umhüllte Kästchen fest. Darauf hatte sie es also abgesehen, nicht auf mich, nicht auf meine Unterlagen oder irgendwelche anderen Besitztümer. Endlich erwachte ich aus meiner Starre, rannte ihr wild entschlossen hinterher, doch nicht ohne mir das Schwert und den Nautilus vorher noch zu greifen. Dafür sollte sie büßen, dieses Mal war sie zu weit gegangen! Oben angekommen sah ich sie auf der kleinen Insel im See stehen, Ly´ris Insel. Wartete sie auf mich? Sowie ich auf sie zu rannte, setzte auch sie sich wieder in Bewegung, sprang auf den Rand der Klippen am See - und dann hinunter.

Ich erhöhte mein Tempo, rannte eigentlich viel zu schnell über den glitschigen Baumstamm, der zur kleinen Insel führte, immer der diebischen Spinne hinterher. Ein falscher Tritt hätte in diesem Moment fatale Folgen gehabt. Kurz hielt ich inne, als ich vor der steinernen Nau stand. Immer noch und bis in alle Ewigkeit wachte sie dort über die gefangene Seele des Pha. Ihr Nautilus würde mir nun leider nichts mehr nützen. Wollte ich den Hang hinunter, war selbst das Schwert schon eine große Behinderung, ein mehrere Kilo schwerer Goldkringel allerdings - völlig unmöglich. So legte ich der wunderschönen Waldelfin den glänzenden Seelenfänger in ihre Hände zurück. Sicher war es nur Einbildung, dass ich in dem Moment ein leises „Danke“ hörte, als ich zum Abschied in ihre steinernen Augen sah. Doch zur Sicherheit und aus ganzem Herzen erwiderte ich es. „Ich habe zu danken!“

Dann lief ich weiter, sprang von der kleinen Insel hinüber zur Klippe und warf einen Blick nach unten.
So gut wie jeden Winkel Felagunds dürfte ich in meiner Zeit hier wohl erkundet haben, jeden Quadratmeter Land mindestens ein Mal betreten, der betretbar war. So war ich auch schon oft auf den Klippen am See gestanden, hatte von dort hinaus auf das schier unendliche Meer geblickt. Weit im Osten auf die seltsamen, riesigen Kästen, die wie rostige, stählerne Pilze aus dem Wasser ragten. Lag dort ein Wrack im Wasser? Vielleicht sogar die Überreste der Olysses? Selbst mit dem Fernrohr war das nur mit viel Phantasie auszumachen, auch wenn ich dessen Sichtweite, nein, Vergrößerung auf Maximum stellte. Manchmal konnte ich dahinter sogar ein riesiges Gebäude ausmachen und Gebilde, die wie Brücken erschienen? Nur schemenhaft, verschwommen. Nach unten allerdings hatte ich von hier aus nur einmal gesehen. Eine kleine, flache Stelle gab es dort, die aus dem Wasser ragte, direkt am Hang. Doch den Reiz, hinunter zu klettern verspürte ich nie, denn die Klippen waren steil, auch wenn der Abstieg glücken sollte, hinauf würde ich nicht wieder kommen.

Das allerdings war mir heute egal, denn auf dieser flachen Stelle saß nun seelenruhig Anja, wartete wieder auf mich. Erst als ich begann, den Weg hinab zu wagen, sprang sie ebenfalls auf und kletterte geradewegs in den Berg hinein.

Eine Falle, natürlich. Auch wenn mich zwanzig Jahre Einsamkeit und Elfenwein sicher nicht schlauer gemacht haben, musste es mir spätestens jetzt klar geworden sein. Sie wollte dass ich ihr folge und ich tat es bereitwillig. In der unerschütterlichen Absicht, sie für diese Tat von ihrem elendigen, ewigen Leben zu erlösen. Ganz egal was die hässliche Spinne vor hatte, mein Schwert und mein Zorn würden einen Ausweg finden!
Der Abstieg indes erwies sich als schwerer als ich geahnt hatte. An dieser Stelle musste es einstmals eine Art Wasserfall gegeben haben, einen kleinen, der wohl im Laufe der Jahre verschwunden war. Dennoch war der Weg, den er damals nahm, auch meiner, der einzige der nach unten führte, gepflastert von Geröll und Kies. Die letzten Meter konnte ich nur noch mit einem gewagten Sprung überwinden, landete dabei sehr unsanft auf den Knien. Sofort meldete sich die alte Verletzung wieder wie ein Messerschnitt - meine gesamte linke Körperhälfte schien zu glühen und so nahm ich erst gar nicht wahr, was dort, nur wenige Schritte vor mir halb aus dem Wasser ragte.

Er lag auf der Seite, das Gesicht halb im Sand vergraben, blutüberströmt. Deutlich kleiner als ich, aber kräftig gebaut, zumindest der Teil von ihm, der noch existierte. Fest umklammerte er noch sein Schwert, glänzend in der Nachmittagssonne, als wäre es gerade erst poliert worden. Die Brandung umspülte dessen Klinge, auf denen sich seltsame Zeichen befanden, kryptische Runen, kunstfertig hinein gearbeitet, bis kurz unter den Griff. Dort prangte ein Totenkopf, darunter zwei gekreuzte Knochen. Das Familienzeichen der Appa.

Ein Makukke.

Quelle: {quelle}  |  von Case zur Mahlzeit!  0x Senf , 1954x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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