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IT&W-V10. 711 Beiträge, 579 Kommentare. Born 2001, still going strong.
::: 02. January 2009

 :: Memories of Felagund (16) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Kapitel 16 – Des Zauberers schrecklichster Tag

9. Februar 1907: Oh wie sie da oben thront! Wie eine Königin, die ihrem Diener bei seinen Spielereien über die Schulter schaut. Diese Spinne wird mir immer unheimlicher. Pünktlich, als ich gerade mit dem Buch aus meiner Hütte kam, die letzte Flasche von Nilrems wunderbaren Elfenwein unter den Arm geklemmt, setzte sie sich in ihr Nest über mir. Nun starrt sie auf mich herunter und obwohl ich nicht glaube, dass ihre Augen so gut sind, um von dort oben lesen zu können, was ich schreibe, scheint sie zu wissen, worum es geht. Ich schwebe in allerhöchster Gefahr, das muss ich mir immer wieder vor Augen führen, denn dieses Biest hat nachweislich mindestens zwei Bewohnern dieser Insel das Lebenslicht ausgeblasen. Nur ein Sprung von ihr würde genügen und meine Aufzeichnungen würden für immer unvollendet bleiben. Ist es nur der Nautilus, in dem immer noch die schwarze Seele Phas gefangen ist, der sie davon abhält?

Nilrem wachte auf, als die Sonne gerade über den Horizont gestiegen war. Sein erster, verschleierter Blick fiel aus dem Fenster. Zu früh um aufzustehen, dachte er bei sich, drehte sich zu Dae um, seiner Frau… und ab hier begann für ihn der schlimmste Tag in seinem Leben. Sicher mögen nun einige Zeitgenossen mit viel Lebenserfahrung sagen „Ha, das kenn’ ich, geht mir jeden Tag so!“ Doch der Tag des Zauberers verlief ganz anders, wie in Trance, ab diesem Moment. Denn statt in Daes geheimnisvolle Augen, sah er nun in die einer tellergroßen Spinne, welche es sich auf ihrer Bettseite bequem gemacht hatte. Sofort sprang er vor Entsetzen auf, lief schreiend bis zur Fensterwand. Es war nicht nur eine Spinne, es waren drei! Alle in derselben Größe, dunkelbraun und behaart. Nun hielt ihn nichts mehr. Voller Ekel und Angst rannte er die Treppe hinunter, fiel sie fast hinab, so hastig waren seine Schritte. Dabei rief er immer wieder verzweifelt den Namen seiner über alles geliebten Frau. Im Erdgeschoss angelangt, verstummte er plötzlich. Dort lag sie. Blutüberströmt. Zwei riesige Bisswunden verunstalteten ihren Hals, die Haut bleich wie die kahlen Steinmauern die sie umgaben.
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Dae lebte, doch schien sie dem Tod schon sehr nahe zu sein. Schnell nahm er ein langes Tischtuch aus dem großen Eichenschrank, riss es entzwei und versuchte vergebens die Blutung zu stoppen. Dann öffnete sie ihre Augen, sah ihn an. „Es ist zu spät, mein Zauberlein“, sagte sie mit schwacher, röchelnder Stimme. „Die Spinne war hier, und…“, ein grässliches Husten überkam sie, schüttelte sie durch, sie spuckte Blut und ihm wurde heiß und kalt dabei. „Und nicht nur die eine, es waren viele, große, kleine, sie…“, erneut ein Husten, doch dann gelang es ihr nicht mehr zu sprechen. Sie hob den Arm und deutete mit letzter Kraft auf die Mar´Una, das Heilige Buch der Waldelfen. Sofort begriff er,  jetzt konnte nur noch Magie helfen! Er sprang auf, begann darin fieberhaft nach einer Formel, einem Trank oder Zauberspruch zu suchen. Und tatsächlich, schon auf der nächsten Seite wurde er fündig!

Nudra, Lebenskraft hieß das Elixier. Laut den Angaben musste aus verschiedenen Zutaten ein Sud gebraut werden. Danach benötigte man einen bestimmten Stein, welcher geschmolzen und von seinen metallischen Bestandteilen befreit werden musste. Das flüssige Gestein, was dabei übrig blieb, musste mit dem Sud dann langsam abgekühlt werden, so lange bis es nur noch warm war. Den Klumpen, der dadurch entstand, lege man dann dem Toten innerhalb von drei Stunden nach dessen Ableben auf die Brust. Die Elfen glaubten, dass die Seele noch eine gewisse Zeit im Körper verbleibe, nachdem dieser verstarb, um über ihn zu wachen. In dieser Zeit nur sollte es möglich sein, das Wiederbelebungsritual durchzuführen.

Laut Rezept benötigte man für den Sud zuerst einmal einige Haare des Verstorbenen. Dann zwei Unzen Garbaschsaft, frisch gepresst aus den Früchten der Garbaschpflanze, die überall auf der Insel zu finden war. Sie zu sammeln, bedeutete jedoch meist höllische Qualen, da die kleinen Früchte tief im Gestrüpp des Strauches verborgen lagen. Dieser beschützte sie durch tausende Stacheln, die bei Berührung ein brennendes Nesselgift abgaben. Weiterhin brauchte man ein wenig geriebenes Gnaar-Horn, welches leider auch nicht mehr vorrätig war. Das hieß für Nilrem, sich erneut in das Gatter des böswilligen Tieres vor seinem Haus zu begeben und diesem irgendwie einen Teil seines nicht ungefährlichen Hornes abspenstig zu machen. Als dritte Zutat führte das Buch das Eidotter der Goldfee auf. Dieser kleine, süße, gelb-rötliche Vogel brütete fast in jedem Baum auf Felagund, verteidigte aber sein Gelege vehement und bis zum Tod mit seinem hakenförmigen, scharfen Schnabel.

Die letzte Zutat allerdings würde ihm die größte Überwindung kosten. Der rohe „Eisenstein“ eines Schmiedes. Aus diesem musste er mit Hilfe seines Agrolisators das Gestein herausfiltern, was einiges an Geschick und nicht zuletzt auch Magie erforderte. Und ein riesiges, glühend heißes Feuer, welches man nur am Steinkreis in dieser Größe entfachen konnte.

Als er sich wieder zu Dae umsah, lag diese bewegungslos in einer riesigen Lache aus Blut auf dem Boden seines Hauses. Scheinbar war sie verstorben, als er das Rezept studiert hatte. Er hielt seine Tränen zurück, wusste er doch, das die Chance bestand, sie wieder ins Leben zu holen. „Dae, mein Herz“, sagte er, an ihrem toten Körper kniend, ihre kalte Hand in seiner, „ich weiss, dass du noch hier bist, mich hörst. Du wirst nicht von mir gehen, das lasse ich nicht zu!“ Nun war er zu allem entschlossen, plötzlich viel klarer im Kopf als an vielen anderen Tagen. Er begann sich sogleich auf die Suche nach den Zutaten zu machen, und schließlich Claudius um den Stein zu bitten. Für all das hatte er nur eine Stunde Zeit, denn die Prozedur am Steinkreis würde mindestens eine weitere in Anspruch nehmen.

Dann, schließlich doch unter Tränen, schnitt er seiner toten Frau ein Büschel ihrer wunderschönen, langen Haare ab. Wenig später stand er schon am Gatter vor dem Gnaar. Reinhold, so hatte der Schmied das Tier genannt, graste friedlich auf der Wiese und beäugte den Magier mit zunehmenden Misstrauen. Das Tier hatte in seiner Zeit als Versuchskaninchen für Nilrem schon viel erdulden müssen und wartete nun gespannt, was der wahnsinnige Elf diesmal wieder vorhatte. Sobald er sich dem Gnaar auf Mannslänge genähert hatte, öffnete Nilrem seine Hand und blies ein weisses, sehr feines Pulver in dessen Gesicht. Doch sein Schlafpulver wirkte leider erst nach mehreren Minuten. So zog er sich beim Sprung zurück über das Gatter eine schmerzliche Wunde am Gesäß zu, in das sich das Horn des wütenden Tieres gebohrt hatte. Dafür büßte es das wenig später ein, als es tatsächlich friedlich schlafend im Gras lag.

Die Stacheln des Garbaschbusches drangen sogar durch seine starken Lederhandschuhe, wodurch sein Arm zeitweise auf unnatürliche Größe anschwoll, von der rotglühenden Haut und dem unerträglichen Jucken ganz abgesehen. Zum Glück ließ das Gift schnell wieder nach. Auch das Goldfee-Weibchen hatte wenig Einsehen mit der misslichen Lage des Magiers. Sie interessierte es nicht im Geringsten, dass er um das Leben seiner Frau kämpfte. Und so gab sie ihr Gelege auch erst auf, nachdem Nilrem den Baum angezündet hatte, auf dem das Nest war. So entging er zwar dem scharfen Schnabel des garstigen Vögelchens, versengte sich aber beim Herausfischen der Eier seinen wertvollen Mantel.

Sein letzter Gang führte ihn zum Schmied, der ihm ungewohnt freundlich und bereitwillig einen sehr großen klumpen silbrigen Gesteins in die Hand drückte, erstaunlich leicht sogar für die Größe, wie der Zauberer fand. Etwas kleinlaut murmelte er ein zähes „Danke“ in seinen ebenfalls angesengten Bart und ging. Er war so in Gedanken und auf seine Aufgabe fixiert, das er den Braten nicht einmal ansatzweise roch.

Wenig später sahen ihn Gebris, Amroth und Claudius aus sicherer Entfernung wild fluchend in sein Haus zurück stampfen, um kurz darauf mit einer riesigen Apparatur wieder aufzutauchen. Diese schob er unter fast unmenschlichen Anstrengungen den holprigen Weg bis zur großen Feuerstelle im Steinkreis. Er staunte nicht schlecht, dass dort bereits frisches, trockenes Holz aufgestapelt lag, genug um ein wahres Höllenfeuer zu entfachen. Das brauchte er auch, denn der Agrolisator, aufgebaut wie ein riesiger, fast geschlossener Kessel, setzte seine Energie erst unter enormer Hitze frei. Er schuftete wie ein Besessener, entzündete in Windeseile das Feuer, schob den Kessel darüber und ließ den Stein des Schmieds hinein fallen. Ungeduldig lief er dann so lange um das Feuer herum, bis sich unter Brodeln und Zischen ein zähflüssiger, kochender Brei gebildet hatte.

Dann konzentrierte er sich, mehr als er es jemals bei einem Zauberspruch getan hatte, wurde ruhig und erlangte wohl für einen kleinen Moment jenen inneren Frieden, den er bis zu seinem mysteriösen Ende nie wieder finden sollte. Er sagte die drei Sätze der Formel mit kräftiger donnernder Stimme und obwohl sie fast unaussprechlich schienen, gelang es ihm, schon beim ersten Mal. Augenblicklich begann der Kessel in einem hellen Rot zu leuchten, es entstand ein kleiner Wirbel in seinem Inneren, der rasch schneller wurde und schließlich das geschmolzene Gestein unter tosendem Gebrüll in zwei glühende Klumpen teilte. Nun nahm er eine riesige Kelle und fischte den ersten, größeren davon heraus, noch während der sich wie eine kleine Sonne rasend schnell um seine Achse drehte.

Das Sternensilber war isoliert! Nun befand sich nur noch das eigentlich wertlose Meteoritgestein im Kessel. Während es langsam begann abzukühlen, goss Nilrem aus einer Phiole den giftgrünen Sud darüber, der sich sofort unter bestialischem Gestank in gelblichen Rauch verwandelte. Schnell griff er dann nach dem dunklen, apfelgroßen Kluppen im Kessel, rannte damit, obwohl er noch deutlich mehr als nur warm war, zu seinem Haus zurück. Seine Apparatur und das wertvolle Metall ließ er dabei achtlos zurück, jetzt war nur noch eines in seinem Leben wichtig. Schweißgebadet, mit Verletzungen, Brandwunden und Stichen übersät, kniete er neben der toten Dae nieder, legte ihr mit letzter Kraft vorsichtig den Stein auf die Brust und schrie dann verzweifelt ihren Namen in den grauen Sommertag hinaus. Als sie kurz darauf ihre Augen öffnete, Saturn und Jupiter darin im alten Glanz erstrahlten, brach er erschöpft, aber glücklich zusammen.

Dass vieles davon, was er an diesem Tag sah, tat und erlebte nur Einbildung, geschickte Täuschung war, würde er nie erfahren. Die Kelle mit dem reinen Sternensilber nahm Claudius an sich, Daes List hatte Erfolg gehabt. Drei Jahre später fiel sie dennoch derselben riesigen Spinne zum Opfer, die mich belauert und die es auf mich abgesehen hat. Und wenn es soweit ist, wird es keine telepathische Einbildung sein, sondern tödlicher Ernst.

Quelle: {quelle}  |  von Case am späten Nachmittag  0x Senf , 2268x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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