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::: 30. December 2008

 :: Memories of Felagund (15) 

Von Janos Nibor (Lenwë Eledhwen), übertragen von Nose Mann, bebildert von Roko Johin

Kapitel 15 - Graa

7. Februar 1907: Nicht selten in den vergangenen zwanzig Jahren hier auf Felagund saß ich auf der Spitze der riesigen Platane, in der Nau damals ihr Baumhaus errichtete. Von hier aus hat man den besten Blick über die gesamte Inselgruppe, der ich den Namen „Finis Terrae“ gab, das Ende der Welt. Wird es auch mein Ende sein? Ist dies der Platz, an dem ich sterben werde? Seit ich an diesem Buch arbeite, bin ich mir über viele Dinge, mit denen ich mich bisher schon abgefunden hatte, nicht mehr sicher. Von der obersten Plattform des Baumhauses liegt mir das ganze Land zu Füßen, doch bin ich bis heute verdammt, nur den kleinen Teil davon betreten zu dürfen, der sich Felagund nennt. Von dort verfolgte ich schon oft den Weg, welchen Claudius und Amroth nahmen, auf der Suche nach dem Sternensilber. Aber immer nur in Gedanken, oder mit dem Fernrohr aus Gebris Truhe. Es muss eine Möglichkeit geben, dort hin zu gelangen, dieses Land voller Wunder selbst zu erforschen - und ich werde ihn finden.

Als Claudius wieder zu sich kam, lag er am Ufer eines kleinen Sees. Auch wenn die riesige Grotte, die sich wie eine Kuppel über ihnen ausbreitete, zum Großteil in Schatten gehüllt war, verirrte sich hin und wieder ein Funken Tageslicht hinein. Ganz oben an der Kuppeldecke klaffte ein rundes Loch, groß genug für zwei Elfen, doch der Graa hatte es scheinbar nicht geschafft, sich hindurch zu zwängen, seine Mahlzeit auf diesem Wege zu verfolgen. Ein noch schwächerer Lichtschein kam von der rechten Grottenseite. Kaum erkennbar lag dort ein scheinbar recht großer Tunnel, der irgendwo am Fuß des Berges ans Tageslicht hinaus führen musste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die düstere Umgebung. Nun konnte er auch Amroth erkennen, der schwer atmend neben ihm kniete. Irgendwo von oben ertönte das kräftige, verärgerte „graa“ des riesigen Vogels.

„Er wird gleich hier sein, mein Freund“ sagte der junge Elf „wir haben nicht viel Zeit, zu finden, wonach wir suchen“. Dabei zeigte er auf die Mitte des Sees. Dort, auf einer eindrucksvollen Insel aus Baumstämmen, Ästen und Skeletten befand sich ein riesiges Nest.

Erschrocken wich der Schmied zurück, drückte sich mit dem Rücken gegen die kalte Felswand. Ihr Sturz hatte sie genau in die Höhle des Löwen geführt. „Komm, schnell, dort hinein!“ Amroth zog ihn hoch und zeigte auf einen kleinen Gang am Fuß des Sees. Aus ihm drang das bläulich-grüne Licht nach außen, welches sie schon von oben gesehen hatten. Es tauchte die gesamte Grotte in eine geheimnisvolle, bedrohliche Stimmung. Wieder ein Schrei, diesmal aber nicht von oben. Das Tier hatte den Eingang erreicht, stürmte den Tunnel entlang und würde gleich die Eindringlinge ausmachen, die sich in sein Reich verirrt hatten. Amroth stolperte, so schnell rannten sie über den steinigen Grottenboden, doch der Schmied hatte schon die Führung übernommen und zog ihn gleich wieder nach oben. Gerade als sie mit letzter Kraft den Gang erreichten, der ihnen vorrübergehend Schutz versprach, hörten sie wie der Graa halb fliegend, halb stürzend auf dem Grottensee aufkam. Jetzt wurde die Zeit knapp. Gleich würde wieder Ruhe einkehren, wenn die Wellen sich legten. Also liefen sie, so schnell und leise es möglich war, weiter, in das geheimnisvolle blaugrüne Licht hinein.
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Mit dem Licht und dem Nebel wurde auch der Gestank verwesenden Fleisches immer stärker, je weiter sie vorankamen. Der Gang mündete in ein größeres Gewölbe und was sie nun sahen, verschlug beiden schier den Atem. Ein riesiger Haufen Edelsteine lag dort, glitzernd in hundert Farben und Formen. Doch wo Reichtum ist, ist der Tod nicht weit. Rings um den Berg verteilt, stapelten sich dutzende Leichen, einige schon Skelette, aber auch die zweier junger Schaumama, die gerade erst zu verwesen begannen. Mit ihren Händen hielten sie noch krampfartig die Steine fest, doch in den Gesichtern stand das blanke Entsetzen. Je näher sie dem glitzernden Berg kamen, desto heller, dichter wurde auch der Nebel. Dann sah Amroth, wie sich darin eine Form abzeichnete, eine Art Körper, riesig, leuchtend und sich immer schneller bündelnd. Claudius bekam davon nichts mehr mit. Vom Glanz der Kristalle angezogen, war er über die toten Körper hinweg gestolpert und packte nun wie von Sinnen seine große Ledertasche mit den vermeidlichen Schätzen voll. „Verdammt, was tust du da!“ rief Amroth. „Sieh doch, Claudius!“ Er zeigte auf die Gestalt aus gleißendem Nebel, die nun bereits ein Gesicht besaß und immer rascher wuchs.
„Graa“, tönte es sogleich aus der großen Grotte. Der Vogel hatte ihn gehört, würde gleich hier sein!

Wild entschlossen riss Amroth den Schmied hoch, sah dann aber weiter hinten einen großen, glänzenden Brocken, der halb aus den Edelsteinen heraus ragte. Das Sternensilber! Er schob seinen immer noch verwirrten Freund beiseite, griff den Stein, in dem Moment, als der Vogel den Höhleneingang erreichte. Die grünbläuliche Gestalt füllte nun fast das ganze Gewölbe aus, und mit hämisch grinsender Miene stürzte sie sich auf Claudius. Doch der junge Elf war schneller, hatte den Stein in seiner Tasche verstaut und sich mit aller Kraft von hinten gegen seinen wie versteinert wirkenden Freund geworfen. Sie stolperten beide nach vorn, gerade als eine riesige, leuchtende Hand nach ihnen greifen wollte, bis kurz vor den Ausgang. Dort drückte Amroth den Schmied mit den Rücken gegen die Wand, denn im selben Moment schon schoss der Graa laut brüllend hinein, sah den riesigen Dämonen und versuchte augenblicklich kehrt zu machen. Dabei verlor er den Halt, rutschte aus und war für einen Moment hilflos. Sofort rannten die beiden Schatzsucher in den Gang hinein, dies war die einzige Chance die sie hatten. Dabei zog Amroth den immer noch etwas benommenen Schmied hinter sich her, mit all seiner jugendlichen Kraft, durch die steinernen Gänge, dicht gefolgt von dem riesigen Vogel und dem noch größeren Wesen aus Licht, Nebel und Bösartigkeit.

Der Graa war schnell, zu schnell. Wo die kleinen Elfen drei Schritte machen mussten, reichte dem Vogel einer. Kurz nachdem sie aus dem Gang gerannt kamen, wieder in die riesige Grotte hinein, holte das Tier sie ein. Nur wenige Meter dahinter folgte der Dämon. Claudius wurde aus Amroths Händen in die Luft gerissen. Der Vogel hatte die gigantischen Schwingen ausgebreitet und während des Absprungs den Schmied an der Schulter gepackt. Doch er kam nicht weit. Der Dämon, welcher langsam wieder seine Form aufgab und zu Nebel wurde, schloss im gleichen Augenblick mit letzter Kraft seine Fänge wie ein riesiges Tuch um das Tier, hüllte es ein, lähmte es auf der Stelle. Der Graa konnte seine Beute nicht mehr halten und so schlug Claudius mit einem lauten Schrei auf dem Grottenboden auf. Amroth war sofort zur Stelle, zerrte ihn wieder auf die Füße, weg von den beiden Giganten, mit fliehenden, stolpernden Schritten hin zum Ausgang. Hinter ihnen war nun auch der Graa gestürzt, noch unsanfter als der Schmied, heulte und kreischte vor Schmerzen. Immer noch zog der Dämon an ihm, versuchte sein Opfer in die Höhle zu schleppen. Doch hier draußen schwand seine Kraft, er löste sich mehr und mehr auf, bis nur noch grünbläuliche Schwaden zurück in sein Versteck waberten.

Die beiden Freunde hatten den Ausgang zur Grotte gerade erreicht, Claudius stark an der Schulter blutend und humpelnd, Amroth fast unversehrt und nun die treibende Kraft, als der Vogel wieder auf die Beine kam. Sein linker Flügel hing schlapp an ihm herunter, aber er konnte noch laufen, erst zögerlich, dann immer schneller. Sie würden den Ausgang des Tunnels, welcher ans Tageslicht führte, nicht erreichen, dachte der junge Elf bei sich. Doch da tat sein Freund etwas Erstaunliches, zumindest für einen Elfen, der zur Hälfte Mensch war. Er öffnete seine Ledertasche und schüttete fast alle der riesigen Edelsteine hinter sich in den Gang aus. Dann rannten sie weiter, denn der Vogel hatte ebenfalls den Tunel erreicht, erhöhte sein Tempo abermals, kam ihnen gefährlich nahe. Dann ein Scharren, ein dumpfer Schlag, entsetzliches Geschrei, zeitgleich mit dem hässlichen Geräusch brechender Knochen. Er war in die Spur aus bunten, glitzernden, scharfkantigen Steinen getreten, welche sich sofort tief in sein Fleisch gebohrt hatten. Winselnd und scharrend versuchte er aufzustehen doch da floh seine Beute schon aus der Grotte ans nun schon dämmernde Tageslicht.

Der Weg zurück zum Dorf der Schaumama war lang und beschwerlich, mehrmals mussten sie rasten, um den Verband aus Moos und Leinen an Claudius Schulter zu wechseln. Es wurde fast Nacht, als sie unter ungläubigen, staunenden Blicken der Einwohner ihr Boot bestiegen. Zwei Stunden später erreichten sie den südlichen Strand von Felagund, vor Erschöpfung fast tot, aber mit einem tellergroßen, silbergrauen Stein im Gepäck. Dort, fast unscheinbar, friedlich im Sand liegend, fanden sie die bewusstlose, blutüberströmte Jorinappa. Claudius nahm seinen Verband ab, riss ihn in kleine Stücke und begann, das Blut aus ihrem Gesicht zu wischen. Bis sie langsam die Augen aufschlug.

Nun, wie es dort weiter geht mit den beiden, habe ich bereits niedergeschrieben. So gehe ich heut zur Ruhe, in der Gewissheit, dass mein Buch sich dem Ende zuneigt. Morgen also wird sich zeigen, ob es dem Schmied wirklich gelingt, sein Werk zu vollenden, ob Dae ihren Mann dazu bringen kann, das Sternensilber zu schmelzen, für das die beiden mutigen Freunde fast gestorben wären.

Quelle: {quelle}  |  von Case frühabends  0x Senf , 1911x besichtigt |   aus: Geschichten aus Finis Terrae   |   Permalink  | Liebe Redaktion...



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